Was wollen die Bienen?

Was wollen die Bienen?

Wissenschaftler Dr. Wolfgang Ritter zu Gast beim Kreis-Imkerverein Ingelheim Bingen

Wenn beim Kreis-Imkerverein Ingelheim Bingen so hoher Besuch in Haus steht, dann zieht das ImkerInnen an wie feiner Nektar die Bienen: 74 ZuhörerInnen drängten sich im Saal des Bürgerhauses Ingelheim-Nord, um dem Vortrag von Dr. Wolfgang Ritter beizuwohnen, einem der renommiertesten Wissenschaftler auf dem Gebiet der Bienenkunde. Seit mehr als 40 Jahren ist Dr. Ritter als Bio-Imker tätig und hat diese Leidenschaft auch aus wissenschaftlicher Sicht zu seinem Beruf gemacht. An der Universität Kassel lehrte er ökologische Bienenhaltung. Außerdem ist er Autor zahlreicher Bücher über die summenden Insekten.

Dr. Wolfgang Ritter hält selbst seit mehr als 40 Jahren Bienen und konnte deswegen wissenschaftlich fundiert aus der Praxis berichten.

Entsprechend fundiert waren die Thesen, die er der versammelten Imkerschaft in die Stockkarte schrieb. “Was wollen die Bienen und was wollen die Imker?” So lautete eine seiner Kernfragen, und bei der Antwort macht er deutlich, dass die Bedürfnisse der beiden Spezies selten identisch sind. Zwar gelte die Biene im Volksmund als sprichwörtlich fleißig, doch das sei so gar nicht richtig: “Bienen sind viel größere Müßiggänger als wir denken. Sie sind nur so fleißig, weil der Imker ihnen den Honig immer wieder wegnimmt und sie von vorne beginnen müssen.”

Schwarmkiste von DHL

Auf besonderes Interesse stieß sein höchst ungewöhnlicher Bauvorschlag für eine “Einwegschwarmbox”. Paragraf 6 der Bienenseuchen-Verordnung schreibe klipp und klar vor, dass unbewohnte Bienenstöcke bienendicht zu lagern seien.

Von Bienen nicht mehr besetzte Bienenwohnungen sind vom Besitzer der Bienen stets bienendicht verschlossen zu halten.

BienSeuchV, § 6

Zu großen Verblüffung vieler Anwesenden ImkerInnen gelte diese Vorschrift aber ausdrücklich nicht für “Einwegschwarmboxen”. Dr. Ritter verwies darauf, dass er seinerzeit an der Formulierung der Verordnung mitgewirkt habe und diese Ausnahme tatsächlich vorgesehen sei. Es diene ausdrücklich der Gesundheit des Bienenvolks, wenn dieses schwärme. Gleichzeitig sei es im Interesse des Imkers, den gesunden Schwarm einzufangen. Er verwende dafür eine Box der Größe “L” vom Paketdienst DHL, schneide ein Flugloch hinein und hänge diese in einen Baum. Als Lockmittel empfahl der Wissenschaftler ein mit Zitronengrasöl getränktes Papiertaschentuch. Wer solch eine Box in etwa einem Kilometer Entfernung aufstelle, habe große Chancen, den eigenen Schwarm einzufangen.

Auch an der üblichen Aufstellung der Bienenbeuten übte der Wissenschaftler Kritik. Wer seine Völker in langen Reihen platziere, fördere die Ausbreitung von Krankheiten. “Gerade kranke Bienen verfliegen sich und stecken so gesunde Völker an”, lautete die einleuchtende Erklärung von Dr. Ritter. Er plädierte deswegen dafür, Bienenstöcke mit großem Abstand locker im Gelände verteilt aufzustellen. Am besten sei es natürlich, nur jeweils ein Volk im Umkreis von einem Kilometer zu halten, aber das sei praxisfern.

Die Vespa velutina ist im Anflug

Aktuell sei die größte Bedrohung für die Bienen noch immer die Varroa-Milbe. Wie ImkerInnen und Wissenschaft mit diesem Schädling in der Vergangenheit umgegangen seien, bewertete Dr. Ritter durchaus kritisch. Viele Abwehrmethoden führten im Endeffekt dazu, Milben zu züchten, die zunehmend widerstandsfähiger seien. Die eigentliche Bedrohung für die Imkerei in den kommenden drei bis vier Jahren hätten viele BienenhalterInnen aber bislang noch gar nicht auf dem Schirm. In Karlsruhe und Südhessen sei die Vespa velutina in diesem Jahr bereits gesichtet worden. Diese asiatische Hornissenart habe in Frankreich und Italien schlimme Schäden in den Imkereien verursacht. Zum Glück helfe hier eine einfache Vorgehensweise: Die Verkleinerung der Fluglöcher am Bienenstock. Untersuchungen hätten ergeben, dass der Honigertrag dadurch nur unwesentlich zurückgegangen sei. Auch ohne die Bedrohung durch die Vespa velutina bevorzuge die Honigbiene ein kleineres Flugloch. “Und wenn der Ertrag dadurch um ein oder zwei Kilogramm zurückgeht, ist das in meinen Augen zu verschmerzen.”

Am Ende gab es von den ImkerInnen langen Applaus und viele interessierte Nachfragen. Dem Forscher war es gelungen, Denkanstöße zu geben, ohne mit erhobenen Zeigefinger zu dozieren. Mit dieser spannenden Mischung hatte er offensichtlich den Nerv getroffen.

Wein und Honig – beides aus der Region.

Hubert Quandt, der 2. Vorsitzende des Vereins, dankte Dr. Ritter für seinen Vortrag und drückte dies mit zwei treffenden Geschenken aus: Honig und Rotwein – beides aus der Region. Außerdem hob er hervor, dass es für den Kreis-Imkerverein Ingelheim Bingen eine große Ehre sei, wenn ein Wissenschaftler von diesem Format zu Gast sei. Dies sei auch ein Verdienst von Gisela Bräuniger und Alois Bredel, die sich um die Organisation der außergewöhnlichen Veranstaltung gekümmert hätten.

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